Pohl – Vita


Die authentische Musica Sacra über die Zeit der »Liturgiereform« gerettet

Domkapellmeister a. D. Prälat Dr. Rudolf Pohl wurde am 5. November 2014 90 Jahre

Der ehemalige Domkapellmeister von Aachen und langjährige Präsident der päpstlichen »Consociatio Internationalis Musicae Sacrae« (CIMS), Rom, Prälat Dr. Rudolf Pohl, wird am 5. November dieses Jahres 90 Jahre alt. Pohl übernahm im September 1954 die Leitung und Ausbildung der Aachener Domsingknaben. Nach dem plötzlichen Tod von Prof. Theodor Bernhard Rehmann im Oktober 1963 übertrug Bischof Johannes Pohlschneider im April 1964 Rudolf Pohl die Gesamtleitung des Aachener Domchores, den dieser dann endgültig in die klassische liturgische Besetzung mit Knabenoberstimmen zurückführte. Das Amt als Domkapellmeister bekleidete Pohl bis 1986 und verstand es als Auftrag, das kostbare Erbe der Musica Sacra zu bewahren und weiterzugeben. Die Tradition kunstvollen Singens in der Liturgie fortzuführen war für ihn Verpflichtung und Hauptaufgabe. Er widerstand allen modischen pastoralen Trends, die künstlerische Dignität der liturgischen Musik anzutasten, da er die - auch theologische - Notwendigkeit hoher Qualitätsmaßstäbe an dieser Stelle erkannte. So blieb der Aachener Dom trotz weitverbreiteter postkonziliarer Verirrungen ein Hort der Gregorianik und der großen mehrstimmigen Polyphonie. Das in unserer Edition neu erschienene Tagebuch mit Bilderchronik der Aachener Domsingknaben aus den Jahren 1954 bis 1986 (ISBN 978-3-945289-02-0; € 10,-) dokumentiert diese Zeit der Aachener Klingenden Kathedrale.

Dem Jubilar rufen wir zu:  AD MULTOS ANNOS!


Hüter eines ungewöhnlichen Schatzes

Von Dr. Michael Tunger

Der ehemalige Domkapellmeister von Aachen und langjährige Präsident der »Consociatio Internationalis Musicae Sacrae« (CIMS), Rom, Prälat Dr. Rudolf Pohl, übernahm im September 1954 die Leitung und Ausbildung der Domsingknaben, im April 1964 wurde er zum Domchordirektor bzw. Domkapellmeister ernannt.​

Der Priestermusiker wurde am 5. November 1924 in Aachen geboren, wo er von 1933 bis 1942 als Domsingknabe unter dem legendären Domkapellmeister Prof. Theodor Bernhard Rehmann in die großartige Welt der Musica sacra eingeführt wurde. Nach Abitur, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er in Paderborn, Frankfurt a.M. und Bonn sowie am Aachener Priesterseminar Theologie und Philosophie. Am 2. Juli 1951, dem Fest Mariä Heimsuchung, empfing der die hl. Priesterweihe. Drei Jahre war er als Kaplan in Krefeld tätig, doch schon bald zeichnete sich eine besondere Berufung ab, die 1954 erfolgte. Rehmann holte seinen ehemaligen Singknaben an den Aachener Dom, um ihm den Wiederaufbau des Knabenchores und der Domsingschule zu übertragen. Es ist Pohls Verdienst, daß der Knabenchor wieder die tragende Säule der Aachener Dommusik wurde, nachdem Rehmann - bedingt durch die Umstände des Krieges und der Nachkriegszeit - einen gemischten Chor aufgebaut hatte. Pohl, der bei und von Rehmann gelernt hat, promovierte 1959 mit einer Dissertation über den Aachener Stiftskapellmeister Johannes Mangon (+ 1578), dessen Werke, entstanden im »Goldenen Zeitalter« der klassischen Vokalpolyphonie, auch im 20. Jahrhundert noch regelmäßig in der Liturgie des Aachener Domes erklangen.

Nach dem plötzlichen Tod von Rehmann im Oktober 1963 wurde Pohl von Bischof Johannes Pohlschneider im April 1964 die Gesamtleitung des Aachener Domchores übertragen, den er dann endgültig in die klassische liturgische Besetzung mit Knabenoberstimmen zurückführte. Zur Sicherung des Nachwuchses an Singknaben und als Wiederbegründung einer jahrhundertelangen Tradition richtete Pohl 1960 die Domsingschule, eine private katholische Grundschule für Jungen, ein.

Pohl schuf in systematischer, musikalisch, theologisch und pädagogisch qualifizierter und fundierter Aufbauarbeit einen Knabenchor, der die Aachener Dommusik weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt machte. Konzertreisen führten den Chor in die Beneluxstaaten, nach Irland, Frankreich, Italien, Polen, in die damalige Tschechoslowakei, in die Schweiz, nach Österreich, England, Spanien und Israel.

Zu den Höhepunkten des Aachener Musiklebens gehörten die Domaufführungen der großen kirchenmusikalischen Werke, angefangen von Monteverdis »Marienvesper« über die Passionen und die h-moll-Messe Bachs bis hin zu den Oratorien Händels, Brahms' und Mendelssohns sowie den großen Messen von Mozart, Haydn, Verdi und vor allem Bruckner. Auch der musikalische Ausdruck des 20. Jahrhunderts kam dabei nicht zu kurz: Poulenc, Janacek, Vaughan-Williams, Britten, Doppelbauer, Komma, Niehaus und Schroeder sind nur einige Namen dieser Zeit, deren Werke unter Pohls Stabführung im Aachener Dom erklangen. Ein besonderer Höhepunkt war für die Aachener Dommusik sicherlich die Knabenchorfestwoche anläßlich der 1200-Jahrfeier »Chorschule am Hofe Karls des Großen« im Jahre 1981, deren Initiator Pohl selbst war. Bewegt davon, daß dieses Gründungsjubiläum der Cappella Carolina, des Aachener Domchores, der damit der älteste Knabenchor Deutschlands sein dürfte, während seiner Amtszeit gefeiert werden konnte, führte Pohl mit seinem Domchor innerhalb von acht Tagen sowohl Bruckners e-moll und f-moll-Messe als auch Bachs Hohe Messe in h-moll mit anerkanntem Erfolg auf.

Schallplattenaufnahmen, u. a. bei »Harmonia mundi", Rundfunk- und Fernsehübertragungen von Gottesdiensten und Konzerten gehörten ebenfalls zur umfangreichen Tätigkeit Pohls und seines Domchores. In einem Büchlein, das aus Anlaß der 1200-Jahrfeier über die Geschichte der Aachener Dommusik verfaßt worden ist, schreibt Pohl: »Aachen, politischer und religiöser, kultureller und künstlerischer Mittelpunkt im Reiche Karls des Großen, bewahrte mit hingebungsvoller Treue das unvergängliche Gebäude der karolingischen Hofkirche. Mit dieser Kirche blieb verbunden die Traditon kunstvollen Singens.«

Die Tradition kunstvollen Singens in der Liturgie fortzuführen, war für Pohl Auftrag, Verpflichtung und Hauptaufgabe. Er widerstand allen modischen pastoralen Trends, die künstlerische Dignität der liturgischen Musik anzutasten, da er die - auch theologische - Notwendigkeit hoher Qualitätsmaßstäbe an dieser Stelle erkannte, nicht aus restaurativer Verbohrtheit, sondern eingedenk des natürlichen menschlichen Strebens, Gott, dem Höchsten und Kostbarsten, auch das Höchste und Kostbarste zu geben, was der Mensch zur Verherrlichung Gottes künstlerisch hervorbringen kann. So blieb der Aachener Dom trotz weitverbreiteter postkonziliarer Verirrungen ein Hort der Gregorianik und der großen mehrstimmigen Polyphonie und Pohl der Hüter dieses kostbaren Schatzes.

In Anerkennung seiner Verdienste um die Verwirklichung der einschlägigen Forderungen des II. Vatikanischen Konzils und die Bewahrung des »Thesaurus Musicae sacrae« wurde Pohl im November 1985 auf dem »8. Internationalen Kongreß für Kirchenmusik« in Rom zum Präsidenten der CIMS, des einzigen vom Apostolischen Stuhl errichteten kirchenmusikalischen Fachverbandes, gewählt.

Seine Domchorsänger, die damals mit ihm in Rom waren, spürten, daß in Aachen eine Ära sich dem Ende zuneigte. Offenkundig wurde dies, als Pohl am Peter-und Paul-Fest 1986 das letzte Mal vor seinen Chor trat, um Palestrinas »Missa Papae Marcelli« zu dirigieren, die zum festen Repertoire des Chores gehörte. Leider hatte man damals Pohl das Amt des Domkapellmeisters am Aachener Dom nicht erhalten können.

In Rom war er seitdem bestrebt, in anderer Weise als in Aachen Hüter des ungewöhnlichen Schatzes der Kirchenmusik zu sein. Als Präsident der CIMS hatte er die Aufgabe, zur Pflege und zum Fortschritt der Kirchenmusik nach den Vorschriften der Kirche die Zusammenarbeit und das einträchtige Vorgehen der Kirchenmusiker auf der ganzen Welt und aus allen Nationen zu fördern und zu unterstützen.

Nach seinem Abschied von Rom im Jahre 1996 ist es in der Öffentlichkeit ruhiger geworden um den Jubilar. Dennoch ist er auch jetzt nicht untätig. So widmete er sich in den letzten Jahren der Veröffentlichung einer praktischen Ausgabe der liturgischen Kompositionen des Aachener Stiftskapellmeisters Johannes Mangon, die das Domarchiv in drei großen Folianten aufbewahrt. Die umfangreiche, dreibändige Edition ist inzwischen erschienen. Anlaß genug, diese kostbaren Perlen der liturgischen Tonkunst endlich wieder dort erklingen zu lassen, wo sie ihren eigentlichen Platz haben, in der Liturgie der Aachener Domkirche.

Mit dem Aachener Domchor ist er weiterhin durch die von ihm ins Leben gerufene »Rudolf Pohl-Stiftung« verbunden. Mit dem Ertrag des Stiftungskapitals wird die Ausbildung der aktiven Domsingknaben an künstlerisch wertvollen Instrumenten aus dem klassischen Bereich durch leistungsbezogene Beihilfen unterstützt und gefördert. Diese zusätzliche musikalische Ausbildung kommt letztlich auch dem liturgischen Chorgesang, der Hauptaufgabe des Aachener Domchores, zugute.

Im Aachener Dom hat Pohl als Ehrendomherr einen festen Altar, auf dem er das Lob-, Sühn- und Dankopfer Christi in der Hl. Messe gegenwärtigsetzt. Möge er aus dieser Quelle seines priesterlichen Lebens weiterhin die Kraft schöpfen für viele weitere Jahre im Dienst der Musica sacra. - Dazu alles Gute, Gesundheit und Gottes reichen Segen!